Samstag, 13. Juli 2013

14. ETAPPE - Samstag, 13. Juli 2013 - Saint-Pourçan-sur-SSioule > Lyon - 191 km




Die Tour wendet sich wieder nach Süden, das ist ja das Geniale in diesem Jahr. Nach den Etappen im Midi in der ersten Woche, geht es nach dem Abstecher in die Bretagne wieder zurück, in die warmen und sonnendurchfluteten Gefilde der Provence. Auf dem Weg dahin wird nochmal der Nordrand des Zentralmassivs kurz gestreift. Da gibt es auch ein paar Steigungen, für viele Fahrer sicher eine willkommene Abwechslung nach den vielen Sprinteretappen. Im Zentralmassiv war ich mal, in dieser dünnbesiedelten Ecke, sehr provinziell, viel Gras, Kühe und erloschene Vulkane. Drei Wochen Auvergne im Sommer 1991 war das, sehr urig in einer alten nur dürftig renovierten Scheune wurde geurlaubt. Ringsum Felder, Hügel, ein See, sonst nix. Wein? Ja. Wurde auch getrunken - irgendwas, mit Baguette. War vor der Zeit, wo man es genau wissen wollte...





Reben tauchen auf der Strecke immer wieder mal auf, in großem Stil aber erst wenn man sich, so wie es die Fahrer heute machen, dem Tal der Saone nähert. Kurz davor werden die lieblichen Weinberge der AOC Beaujolais durchradelt. In der Regel leichte trinkbare Rote. Vom Kult um den Beaujolais nouveau will ich jetzt hier gar nicht reden, das ist letzthin eine Marketingmaßnahme, die, wie man hört, auch schon wieder im Abklingen ist. Dabei gibt es aus dem Beaujolais richtigen Stoff, die Crus sind ja bekannt: Saint-Amour Juliénas, Chénas, Moulin à Vent, Morgon, Chiroubles, Fleurie, Brouilly, Régnié. Da kommen Weine her, die gerne im Lande bleiben und von Liebhabern des Goût de France geschätzt werden. Nie zu schwer, kirschig intensive Frucht, moderat in den Gerbstoffen...

Was mir zum Beaujolais noch einfällt? Clochemerle! Eine herrliches Buch von Gabriel Chevallier, ein französischer Klassiker um die politischen Ränkespiele in einem Dorf, eine Provinzposse, sehr humorig geschrieben, mit Liebe, Sex, Korruption und ganz viel Wein...




Das Beaujolais hat viele Jahre den Durst der Stadt Lyon gestillt, es stellte die Versorgung der Arbeiterschaft dort mit bekömmlichem Rotwein sicher. Daher rührt immer noch der Pott Lyonnais / Pott Beaujolais. Eine Servierflasche mit einem besonders dicken Glasboden, der es ermöglicht, den Wein auf dem Tisch länger kühl zu halten. Dafür wird die Flasche vorher im Eisfach gekühlt. Sie fasst mit 46 cl. die Weinportion eines Arbeiters zum Mittagsmenü. Ein durchaus vernünftiges Maß also... Auch heute wird in Lyon der offene Wein in der Regel aus dem Pott serviert, wobei der Tischwein durchaus auch ein südlicher, also ein Cotes du Rhone sein kann. Lyon liegt ja genau dazwischen.



Lyon also, heutiges Etappenziel der Tour. Der Priorat-Hammer hat die Stadt ja immer gemieden, wie er heute in seinem Reise- und Genußkommentar schreibt (klick). Für mich dagegen ist es eine faszinierende Metropole, nach Paris und Marseilles mit knapp 500.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt in Frankreich. Ich bin erst im letzten Herbst für drei Tage dort gewesen. Sehr abwechslungsreiches Stadtbild, durch die Topographie was fürs Auge. Die beiden Flüße Saône und Rhone strukturieren die Stadt, es gibt Wasser, Brücken, Hügel. Lyon ist eine Stadt des Genusses, bekannt für seine Küche, lange Zeit geprägt durch die Mères lyonnaise, die (Koch)mütter der Stadt. Paul Bocuse, immerhin mit der Küche der Mère in Lyon aufgewachsen, hat zwar mal behauptet Frauen könnten nicht an der Spitze kochen, da ihnen dazu die nötige Phantasie abginge. Aber das ist natürlich Unsinn und seinem Machismo geschuldet. Die Etappe führt übrigens ganz in der Nähe von seiner L’Auberge du Pont de Collonges in Norden der Stadt vorbei. Ein schöner Bericht, wie es in diesem buntbemalten 3-Sterner heute so zugeht hier bei Tres Etoiles (klick).





Gewohnt haben wir direkt im letzten Herbst auf der Presqu'île, der "Insel" zwischen Saone und Rhone kurz vor ihrem Zusammenfluss. Ein schöner Stadtspaziergang von da war rüber über die Saone in die Altstadtdt. Vieux Lyon gehört seit 1998 zum Unesco Kulturerbe. Viele Gassen dort, sehr pittoresk mit vielen urigen Kneipen mit karierten Tischdecken und deftigen Klassikern der Lyonaiser Küche. Doch Vorsicht, da ist es sehr voll durch großen Touristenzuspruch, einige von den Bouchons sind auch ausgesprochene Abfütterungsstationen, man muß da genau hinsehen.



Oberhalb der Altstadt geht es steil aufwärts, oben liegt die Basilika Notre Dame de Fourvière. Ein exponiert imposantes Bauwerk, anspruchgebietend dominiert es von da über die Stadt, weißstrahlend, ein antilaizistisches Statement ganz im  Sinne des Renouveau Catholique. Immerhin bietet sich von da eine großartige Aussicht. Im Vordergrund breitet sich die Stadt aus, bei guter Sicht zeigen sich am Horizont die Alpen, klitzeklein und nur mit gutem Auge ist dann auch der Montblanc zu sehen. Edel Essen kann man da oben auf dem Berg auch, in einem modernen Flachbau mit viel Glas hat Christian Têtedoie seinen 1-Sterner gefestigt (klick).




Renouveau Catholique, hier übt der Weindeuter oben
auf der Fourvière päpstliche Posen ein

Zwischen den urigen Bouchons und der Hochküche bieten sich in Lyon für eine Einkehr die Brasserien an. Bekannt ist z. Bsp. Brasserie Georges beim Gare de Perrache, allerdings ist das schon ein ziemlich großer Laden. Wir haben uns an einem Abend für die Brasserie l´ Espace am zentralen Place Bellcourt entschieden. Hier werden Standards aufgetischt, allerdings mit Sorgfalt und Liebe zum Detail. Zunächst ein südlich inspiriertes Tartar de légumes mit pochiertem Ei. Dann zwei Klassiker: Quenelle, in diesem Fall eine große Nocke aus Hechtfarce und Ei, sehr fluffig mit einer herrlich safrangefärbten Sauce. Als Dessert ein Baba au Rhum, nix für Mädchen, viel Stoff schon im Teig, ein Gläschen vom feinen, weichen Rum dann noch separat serviert, lecker...








Weingeographisch liegt Lyon, wie schon erwähnt, quasi in der Mitte. Im Norden das Beaujolais und im Süden, kurz hinter Vienne, beginnen die Weinberge der nördlichen Rhone. In der Stadt wird (nur) getrunken. In der Filiale der frankreichweiten Weinkette Nicolas hatte ich in Lyon übrigens einen peinlichen Auftritt. Nach anstrengender Stadtwanderung enterte ich den Laden mit Rucksack. Ich wollte eigentlich nur ein Weinglas für eine Verkostung in der Ferienwohnung kaufen, bewegte mich aber ungeschickt zwischen den (engen) Regalen und leider wie der Elefant im Porzellanladen: Es kippten, durch den Rucksack angestoßen, mehrere Flaschen ins Schaufenster. Darunter eine Magnumflasche Rosé. Ergebnis: Chaos in der Dekoration, ein genervter Verkäufer - aber: Keine Scherben, alle Flaschen blieben heile.

Hier links im Fenster gab es Chaos,
weil ein Rucksack unvorsichtig gedreht wurde

Verkostet wurde aus den dort gekauften Gläsern dann natürlich ein Cru aus dem Beaujolais, gekauft in einem wirklich empfehlenswerten Laden mitten in Vieux Lyon mit enormen Sortiment. Sowohl Beaujolais/Burgund als auch die Rhone waren prominent vertreten: Antic Wine Lyon. Und der Laden kann sich rühmen, verblüffende Auszeichnugen erhalten zu haben (Zitat):
  • GRAND PRIX CAVISTE DE L’ANNEE 2010 PAR LA REVUE DU VIN DE FRANCE 
  • BEST PORTO SHOP IN THE WORLD 
  • BEST WINE SHOP FRANCE BY USA W.SPECTATOR



Nun, hier hab ich kein Unheil angerichtet, sondern eine schöne Flasche Beaujolais gekauft. Clos de la Roilette "Griffe du Marquis" Appellation Fleurie 2010 (13%/16€) war eine Flasche mit Old school - Aufmachung.  Intensive Aromatik, für eine Gamay überraschend kräftige Farbe, dunkelduftig, würziges Lakritz, über allem aber die für einen Beaujolais so typische verführerische Kirschfrucht.




Verkostet wurde im Ferienappartement, wie schon erwähnt sehr zentral gelegen mitten in der Stadt. Gegenüber war die Kiff-Pizza. Gegessen haben wir da nicht, doch der Blick war so schön, deshalb zum Abschluß der Etappe das Bild oben...





Kommentare:

  1. Merveilleux fotos et cuisine.

    AntwortenLöschen
  2. Wunderbare Bilder und Gastronomie.

    AntwortenLöschen
  3. Tolle Fotos, tolle Idee mit der Tour de France Begleitung! Mir gefallen sportliche Events sowieso besser mit einem Glas Wein ind er Hand. In dem Weinladen Antic war ich auch schonmal und kann nur bestätigen, dass er einiges auf Lager hat. Ich meien es gab sogar deutsche Weine. VG

    AntwortenLöschen
  4. Danke für die schönen Rückmeldungen. Dann lohnt ja die Mühe, morgen kommt wieder ein längerer Post. Die Rhone runter sind wir im letzten Herbst nach den Tagen in Lyon auch gefahren + haben in Nyons gewohnt. Da geht die Tour morgen durch, natürlich auch auf den Berg der Berge, viele Geschichten...

    AntwortenLöschen