Mittwoch, 18. Juli 2012

Etappe 16: Pau - Bagnères-de-Luchon 197 km


Enstscheidung in den Pyrenäen, die Königsetappe der TdF 2012. Hält heute Bradley Wiggins seine Form, behält er das Gelbe Trikot wohl bis Paris. Nibali, Evans, Van den Broek sitzen ihm aber im Nacken, wenn auch mit Abständen von mehr als 2 Minuten. Von denen will jeder zumindest aufs Podium steigen am Sontag. Falls Wiggins einbricht ist auch eine spannende Frage, was Froome macht. Der hat ja Ambitionen und vor allem Fähigkeiten, die weit über seinen Status als Edelhelfer hinausgehen (aktuell dazu hier: "wenn der Beste nicht der Erste ist").

Heute also die Pässe, die machen den eigentlichen Mythos der Tour aus. Hier müssen die Fahrer wirklich an ihre Grenzen gehen, der Hochleistungssport wird zum existenziellen Ereignis. Triumph oder Zusammenbruch, Sein oder Nichtsein, alles oder nichts...
Der Col de Tourmalet war der erste Berg jenseits der 2000er, der in eine Touretappe aufgenommen wurde. Und das schon im Jahr 1910. Damal war das noch unzugängliches Gebiet, die Strecke nicht mehr als eine raue Schotterpiste. Tour - Gründer Henri Desgrange mutmaßte damals: "Es wird Blut an unseren Händen kleben". Zum Teil wurden die Räder an den steilen und unwegsamen Stellen geschoben, für Fahrer, die nicht abstigen, gab es eine Sonderprämie.

Géant du Tourmalet
Ich selbst bin über den Tourmalet vor längerer Zeit mal mit dem Auto gefahren. Erst waren wir unten im Tal in Lourdes, diesem marienverrückten Ort am Fuße der Pyrenäen - der drittgrößte katholische Wallfahrtsort weltweit, sechs Millionen Menschen besuchen jährlich die Stadt. Infrastruktur und Dienstleistungsangebot sind vollständig an den stetigen Pilger- und Besucherzustrom angepaßt. Über der kleinen Höhle, in der im Jahr 1858 die kleine Bernadette Soubirous ihre Marienerscheinungen hatte, wurde eine riesige Kirche errichtet, drumherum der Site des Sanctuaires, der Heilige Bezirk. In der Innenstadt bieten mehrere Magasin Catholique unglaubliche Menge an Glaubensdevotionalien an.



Kern des ganzen Geschäftsmodells sind natürlich die sogenanntenWunderheilungen. Hier arbeiten Priester und Ärzte Hand in Hand. Auf dem Gelände gibt es seit 120 Jahren ein eigens eingerichtetes medizinsches Büro, dem sämtliche Heilungen gemeldet werden. Zusammen mit dem Klerus wird dann geprüft. Bisher sind von gemeldeten 7000 Heilungen nur 67 als offizielle Wunderheilungen im Sinne der katholischen Kirche anerkannt worden. Hier ist das in aller Ausführlichkeit dokumentiert (klick). Die endlose Prozession der altertümlichen Rollstühle und Bahren, gezogen von Schwestern in Tracht, mutet bizarr an. Die Kranken werden in Badehäusern in das "heilige Wasser" gelegt, über allem aus Lautsprechern liturgische Musik in Endlosschleife.

Ich entschloss mich seinerzeit zum Kauf einer kleinen (Marien)flasche und füllte daraus etwas Wasser in den Kühler des Reiseautos: Ein nicht mehr ganz taufrischer Opel Kadett.



Nach einigen Stunden war die Flucht von dort geboten, schon spät am Nachmittag ging es südlich auf die D 821 durch das immer enger werdende Tal hinauf. In einem kleine Seitental kurz vor der Passhöhe hielten wir dann an, um im Auto zu übernachten. Es dämmerte schon und die Kälte kam, schnell wurde der Gaskocher für ein paar Nudeln angeworfen. Der Wein dazu ? Ich weiß es nicht mehr, wahrscheinlich allereinfachster Roter. Man war damals unterwegs "on a budget".
Am nächsten Morgen dann ein unvergessliches Erlebnis. Über den scharfgezackten Pyrenäenkämmen zog die Sonne auf. In einem weißen Renault Kastenwagen erschien ein Schäfer mit Baskenmütze und stieß lauthals kehlige Schreie in Richtung der Felswände heraus. Glockengebimmel kündigte dann aus der Ferne die Ankunft seiner Herde an. Schafe rannten auf uns zu, tranken und leckten das auf Steinen ausgebreitete Salz.




Weinappellationen gibt es zu Füßen der Pyrenäen einige. Ganz im Westen im Baskenland Irouléguy, dann Béarn und Jurancon südlich von Pau. Genau durch diese für Weißweine bekannte AOC fährt das Feld im Moment. Da fällt relativ viel Niederschlag und es ist auch gar nicht so heiß, wie man vermuten würde. Das ergibt im trockenen Bereich frische Weine, die auch deutsche Rieslingtrinker ansprechen müßten. Außerdem gibt es natürlich noch die Edelsüßen aus dem Jurancon, durchaus eigenständig, in Frankreich aber auch beliebt als günstiger Sauternes-Ersatz. Verkostet wurde dazu im letzten Jahr.



Jurancon "Grain Sauvage" 2010 Les Vignerons de Jurancon (13% / 5,50€) Ein Wein aus der Rebsorte Gros Manseng. Helles gelb, in der Nase sehr klar, etwas Fruchtexotik, Melone, Birne, auch was floral-minziges, sehr fein gezeichnet. Im Mund Frische, gute Säure, etwas Schmelz, hat Substanz, die lange nachzieht. Für das (kleine) Geld ein lohnender Schluck.

Der Wein zur heutigen Etappe kommt aus dem gleichen Haus, wie der gestrige Tropfen: Jurancon "Pavillon Royal" 2008 Les Vignerons de Jurancon (12% / 9,80€) Ein "Zuckerle" (86 g Restzucker/L.) aus Petit Manseng und Gros Manseng. Vollreif gelesene Trauben, sicher auch in der Gärung etwas gestoppt, so bleibt Süße übrig bei moderatem Alkoholgehalt. Exotisch-sattfruchtige Nase, im Mund ein cremiger Obstsalat, Ananas, Mango, Pfirsich. Nicht zu dick, bedarf aber ausreichender Kühlung, sonst kommt auch etwas "Pattexton" durch. Die Erzeuger deklarieren ihn als trinkreif, mit Entwicklungspotential für einige Jahre.




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